Silvina Der Meguerditchian
Mit ihrer Installation „Nach der Ruhe“ will Silvina Der Meguerditchian zum Nachdenken über kollektive Erinnerung, Aneignung und die fragile Hoffnung auf Erneuerung anregen. Beim diesjährigen ROHKUNSTBAU betreibt sie gewissermaßen eine Archäologie des Schlosses Altdöbern mit künstlerischen Mitteln. Es geht ihr um die historischen Spuren, die der Ort selbst trägt. Spuren der Zeiten des Glanzes, der Zweckentfremdung und des Überganges, die sich nicht nur in der Architektur, sondern auch in der Erinnerung an diesen Ort eingeschrieben haben.
Diese leisen Verschiebungen, Verluste und Aneignungen bilden den Resonanzraum, in dem die Arbeit entstand. Das Schloss selbst, das im Laufe seiner Geschichte zahlreiche Funktionen hatte – unter anderem als Waisenhaus –, wird von der Künstlerin als ein vielschichtiger Zeuge solcher Transformationen verstanden.
Für ihre Installation wurden Stickrahmen in unterschiedlichen Größen angefertigt. Gemeinsam formen sie eine wolkenartige Anordnung im Raum. Eingespannt sind Textilien – Leinentücher, Tischdecken, Gardinen und andere Stoffe aus alltäglichen häuslichen Kontexten, die zerrissen wurden. Die Löcher blieben als sichtbare Spuren bestehen. Sie tragen einen Keim der Hoffnung: In den Rissen entstehen Neststrukturen – Orte für neue Vögel, neue Bewohnerinnen und Bewohner, neue Geschichten.
Die Arbeit dreht sich um Verlust und Neuanfang. Sie lädt dazu ein, die Spuren der Geschichte nicht nur als Wunden zu betrachten, sondern als mögliche Brutstätten für neues Leben. Silvina Der Meguerditchian hat für ihre Installation im Schloss Altdöbern die dortigen Ornamente der Wände fotografisch dokumentiert und entsprechende textile Elemente entwickelt, die diese Muster aufnehmen. So entsteht eine konkrete, ortsbezogene Verbindung zwischen der historischen Architektur des Schlosses und der poetischen Geste von Silvina Der Meguerditchian.
Silvina Der Meguerditchian, geboren 1967 in Buenos Aires, lebt und arbeitet seit 1988 in Berlin. Seit 2010 ist sie künstlerische Leiterin von „Houshamadyan“, einem Projekt zur Rekonstruktion des osmanisch-armenischen Alltagslebens. 2015 war sie an der Ausstellung Armenity im armenischen Pavillon auf der 56. Venedig Biennale beteiligt, der mit dem Goldenen Löwen für die beste nationale Repräsentation ausgezeichnet wurde.
