Johan Grimonprez
In der allseits vertrauten Redewendung „Ich habe es kommen sehen“ steckt etwas Erschreckendes. Eine Faszination für das Unausweichliche und damit eine heimliche Komplizenschaft mit dem Grauen. Johan Grimonprez beschäftigt sich in seiner Videoarbeit „Dial H-I-S-T-O-R-Y“ genau mit dieser Frage. Was fasziniert uns an den Bildern einer Katastrophe? Worin besteht dieses „leere Erschrecken“ über etwas, das andere betrifft, und von dem wir nur über Bilder informiert und trotzdem geradezu angefasst werden?
Mit seiner bereits 1997 entstandenen Video-Installation weist der belgische Installationskünstler auf beklemmende Weise voraus auf die Terroranschläge vom 11. September 2001. Grimonprez stapelt eine fast erschöpfende Chronologie der Flugzeugentführungen auf, die es bis zuvor auf der Welt gegeben hatte und wirft sie den Betrachtenden vor die Füße. Überlagert werden diese Bilder von einer fiktiven Erzählung, die von den beiden Romanen „White Noise“ und „Mao II“ von Don DeLillos inspiriert ist. Der Künstler bedient sich bei Archivaufnahmen von Flugzeugunglücken, montiert sie mit Bildern von Flugsicherheitskursen und schneidet Propagandamaterial aus dem Kalten Krieg dazwischen.
Grimonprez spielt mit diesen Bildern des Schreckens und füttert dabei unsere mediale Sensationslust. Je älter diese Arbeit wird, um so verstörender und aktueller wirkt sie. Deshalb ist sie beim diesjährigen ROHKUNSTBAU zu sehen. „Dial H-I-S-T-O-R-Y“ ist eine Kritik des alltäglichen Medienspektakels und kennzeichnet die Macht der Bilder auf unsere Gefühle, unser Wissen und unser Gedächtnis.
Johan Grimonprez, geboren 1963 in Roeselare/Westflandern (Belgien), hat an der Koninklijke Academie voor Schone Kunsten in Gent und an School of Visual Arts in New York studiert. 1993 war er Stipendiat am New Yorker Whitney Museum. Viele seiner Arbeiten drehen sich um das Thema Medienmanipulation. Grimonprez lebt in Gent und New York.
